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P.S.: „Entschuldigung, sprechen Sie deutsch?“ … oder, wie sich unsere Landsleute im Ausland zum Löffel machen

Geschrieben von Jan. Veröffentlicht in DAS FINALE

rucksacktourist

Veröffentlicht am 11. März 2012 mit noch keinem Kommentar

Haben Sie schon einmal eigene Landsleute im Ausland bewusst wahrgenommen? Deutsche Urlauber im Ausland sehen, je nach Generation, nahezu identisch aus. Auch ähnelt sich ihr Sozialverhalten oft bis ins letzte Detail. Ich spreche hierbei nicht von den sogenannten Sauftouristen am Ballermann auf Mallorca, die erkennt man ja schon am alkohol-katalysierten Gegröle und den äußerst lustigen und niveauvollen Sprüche-T-Shirts. Ich meine mehr die Urlaubs-Normalos.

Die etwas jüngeren Paare uniformieren sich wie folgt: ER trägt Trekkingsandalen in grau mit farbigen Rändern, eine halblange Baumwollshorts in olivgrün und dazu ein T-Shirt mit Aufdruck. Der obligatorische Rucksack ist immer am Mann. Darin befinden sich die Digitalkamera (vorne mit Reißverschluss vom Rest getrennt), eine Plastikflasche Wasser ohne Kohlensäure, zwei Äpfel, zwei Bananen und ein Schweizer Taschenmesser. SIE trägt im Prinzip das gleiche wie ER, nur anstelle des Rucksackes hat sie den obligatorischen Nylongürtel mit Portemonnaie (50 Euro müssen reichen für heute) und den wichtigsten Dokumenten usw. umgelegt. Die etwas in die Jahre gekommenen Paare fallen auf durch braune Ledersandalen (vorne geschlossen), die natürlich mit Socken getragen werden, Herrenhandtäschchen (was ist da eigentlich immer drin?) und kurzärmeliges Polyesterhemd aus dem Versandhauskatalog, rosa-hellbraun gestreift natürlich. Die Dame trägt eine dünne Baumwoll-Siebenachtel vorzugsweise in gelb, Schlapphut tief in die Stirn gezogen und die Handtasche über der Schulter. Darin versteckt ist unter anderem seine Bild-Zeitung, die er später in Ruhe lesen wird.

Soweit so gut. Pauschalreisende stehen nach der ersten Zimmerbesichtigung dann zunächst einmal Schlange am Serviceschalter des Reiseveranstalters und geben mit hochgezogenen Augenbrauen lautstark lamentierend und mit nervös zuckender Unterlippe ihre Mängelliste zu Protokoll. Denn man kann ja nie wissen, vielleicht gibt es aus Kulanz ein kostenloses Upgrade, in jedem Fall jedoch wird somit schon rein vorsorglich die Rechtsgrundlage für spätere Reklamationsverfahren geschaffen. 25% Minderung sind immer drin, das hat der befreundete Rechtsanwalt oder irgendeiner im Fernsehen einmal fachkundig und kopfnickend verlauten lassen. Und der muss es schließlich wissen. Ausgerechnet in diesem Urlaub ist auch noch das Wetter schlecht, ein Grund mehr also, die sauer verdienten und vom Munde abgesparten Kröten irgendwie wieder zurückzuholen. Zum Glück ist die Digitalkamera immer dabei, und anstelle der ersten Urlaubsfotos wird der unzumutbare Zustand des Bades detailliert fotografiert. Ganz praktisch, denn so ein gemeinsames Projekt verbindet, sorgt für Gesprächsstoff in eingefahrenen Beziehungen und erleichtert soziale Kontakte mit den Leidensgenossen aus dem Zimmer nebenan. Und die könnten nach Urlaubsende ja noch nützlich sein, weil man sich die Rechtsanwaltskosten gegebenenfalls teilen würde. So eine gepfefferte Sammelklage schindet schließlich mehr Eindruck vor Gericht.

„Wir träumen lange vom Urlaub, aber kein Urlaub hält diesen Träumen stand.” So hat es der deutsche Aphoristiker und Bibliothekar Ernst R. Hauschka (geb. 1926) jedenfalls empfunden.

Auf der folgenden Suche nach Nahrung gibt es nun zwei alternative Szenarien: Die All-Inclusive-Bucher werden einen Teufel tun und außerhäusig essen. Schließlich ist ja alles bezahlt, also muss das auch schön ordentlich abgefuttert werden. Bis nichts mehr geht. Zu verschenken hat schließlich keiner was. Die Digitalkamera wird natürlich mitgeführt, nur für den Fall, dass eventuelle Kritik am Essen für die Nachwelt festgehalten werden muss. Die anderen Urlauber machen sich dagegen auf den Weg und erkunden die Umgebung nach einem geeigneten Restaurant mit gepflegtem Eindruck. Schnitzel mit Pommes sollten schon auf der Speisekarte stehen, denn wer weiß, wie die ausländische Küche kocht und ob das überhaupt alles schmeckt.

Später am Strand sind dann folgende Aktionen für echte Deutsche obligatorisch: Einen geeigneten Platz suchen, dort wo der Sand trocken und weich ist und nicht schon zuviele Leute liegen, das gestreifte Sonnenschirmchen mit Einsatz körperlicher Gewalt installieren, Sandburgen bauen und mit Muschelsprüchen verzieren, nur mit Badehose und Sandalen bekleidet zum nächsten Supermarkt laufen und sich ein Eis holen, Bildzeitung lesen, mit dem Fernglas aufs Meer starren und dabei unauffällig den Strand nach attraktiven Körpern absuchen, getrennt baden (nicht, dass jemand unsere Sachen klaut), über das aktuelle Wetter und die Vorausschau der kommenden Tage diskutieren, die nasse Badehose nach dem erfrischenden Sprung in die salzigen Fluten mit sichtschützendem und um die Hüften gewickelten Handtuch gegen eine trockene tauschen (nicht, dass du dich noch erkältest oder dir jemand was abguckt), die nasse Badehose auswringen und zum Trocknen in das Schirmchen hängen, Zigarettenstummel in den Sand drücken, den Partner eincremen und dabei mit der Creme Gesichter auf den Rücken malen, über das Essen im Hotel und die Strandnachbarn lästern, beim ersten Windstoß aufgescheucht hinter dem davonfliegenden Schirmchen her rennen, sich bei den Einheimischen, die das Schirmchen 20 Meter weiter an den Kopf bekommen haben, auf deutsch oder englisch entschuldigen, auf dem Rückweg mit hochrotem Kopf und zusammengeklapptem Schirmchen die nasse sandige Badehose einsammeln und dabei hoffen, dass es keiner gesehen hat.

Den nächsten Urlaub machen wir an der Ostsee. Da kann uns so etwas wohl nicht passieren. Oder etwa doch?

Einen schönen Frühling wünscht

Ihr Jan Prollius

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